Im Berner Oberland ranken sich verschiedene Sagen und Mythen. Vielleicht liegt es an den Nebelschwaden über den Bergen und Tälern, einer zerfallenen Hütte, durch die der Wind heult. Die winterliche Jahreszeit übernimmt Regie, Natur und Bauten bilden die Bühne und im Kopf entsteht die eigene Fantasie.
Wo sich heute die Firnmulden und Gletscher der Blümlisalp befinden, waren früher grasreiche Weiden. Es kam vor, dass die Kühe dreimal des Tages gemolken werden konnten. Die schöne, blumige Alp gehörte einem jungen Sennen, der mit seinen Knechten und einer grossen Herde jeden Sommer den Berg bezog.
Einmal nahm sich der Senn ein junges Weib, das ihn zu allem Schlechten verleitete. Damit sie nicht auf den harten Steinen gehen brauchte, baute er von der Hütte zum Käsespeicher eine Treppe aus schweren, goldgelben Käsen, pflasterte diese mit Butter aus und wusch sie jeden Tag mit Milch sauber ab. Von diesem übermütigen Tun vernahm die alte Mutter des Sennen im Tale und eines Tages machte sie sich auf den Weg, um ihren Sohn zu warnen. Matt, erschöpft und durstig langte sie oben an und bat um einen Trunk Milch.

Da gab ihr der schlechte Sohn unter dem Gelächter seiner Frau ein Becken voller Molke, in die er Unrat gestreut hatte. Empört erhob sich die Mutter und sprach einen schrecklichen Fluch über ihn aus: "Der Berg soll sich mit Eis bedecken und du und deine Kathrin und deine Herde sollen darunter begraben werden!" Dann nahm sie ihren Stab und stieg den steilen Weg ins Tal hinab.
Kaum hatte sie die Alp verlassen, so löste sich vom Berggipfel ein grosser Teil des Gletscher los, stürzte über die saftigen Triften hin und bedeckte die Menschen, das Vieh und die Hütten mit mächtigen Eis- und Firnmassen. Noch heute hört man das Gejohle des sündigen Sohnes und das Brüllen seiner schönsten Leitkuh.

Einst riefen ihn Geschäfte über Land. Doch, ehe er von der Alp ging, wies er den Hirtenbuben an, vor dem zu Bett gehen die beiden Melkhaustore weit offen stehen zu lassen. Als nun der Senne von hinnen gegangen war, wunderten sich die Knechte untereinander, was wohl geschehen würde, wenn sie seinen Befehl nicht befolgten. Und um die müssige Fragen in der Wirklichkeit zu erproben, schlossen sie vor dem zu Bett gehen die beiden Türen zu.
Aber nicht bloss dort pflog man den schönen Brauch. So kannten ihn auch Kinder aus alten Berner Geschlechtern, die bei ihrer Suche nach dem Osterwasser vor allem zum Glasbrunnen im Bremgartenwald gegangen sein sollen.