Der wilde Jäger auf der Scheidegg
Quelle: Sagen aus dem Berner Oberland von Hermann Hartmann
In den Bergen Grindelwalds hört man oft um Mitternacht ein seltsames Rufen. Es ist das Zeichen, dass der wilde Jäger durch das Tal ziehen wird. Mehr als vierhundert Jahre sind es her, dass an der grossen Scheidegg ein Sennhirt lebte.
Einst riefen ihn Geschäfte über Land. Doch, ehe er von der Alp ging, wies er den Hirtenbuben an, vor dem zu Bett gehen die beiden Melkhaustore weit offen stehen zu lassen. Als nun der Senne von hinnen gegangen war, wunderten sich die Knechte untereinander, was wohl geschehen würde, wenn sie seinen Befehl nicht befolgten. Und um die müssige Fragen in der Wirklichkeit zu erproben, schlossen sie vor dem zu Bett gehen die beiden Türen zu.
Als nun im Tale die elfte Stunde geschlagen hatte, erhob sich plötzlich in den Höhen des Gebirges ein furchtbares Brausen, als bräche droben ein Gewitter mit heissem Föhne los. Gleich darnach rief es vor den Toren des Melkhauses mit mächtiger Stimme: „Macht auf die Tore, die Friesen ziehen über den Berg!“ Zum zweiten und dritten Mal wiederholte sich der Ruf.
Als aber die Knechte drinnen keine Antwort gaben, da fuhr ein Donnerkrachen durch die Luft. Das Dach der Hütte wurde hinweggerissen, dass man von innen die Sterne am Himmel sehen konnte. Und draussen ertönte ein schweres, dumpfes Getrab, als ritten viele Reiter ins Grindelwaldtal. Hintendrein aber folgte unter Kampfgeschrei ein ganzes Volk der Reiterschar nach.
