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Rousseau auf der St. Petersinsel

Auf der St. Petersinsel fand Rousseau sein wahres Glück

Zum 300.Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau lanciert die Region Bielersee ein «Rousseau-Jahr». Verschiedene Anlässe finden auch auf der St. Petersinsel statt – Rousseau verbrachte dort die glücklichste Zeit seines Lebens.

Es waren die schönsten sechs Wochen seines Lebens. Jean-Jacques Rousseau nutzte die Tage im Herbst 1765 auf der Petersinsel nicht etwa, um seine revolutionären Gedanken voranzutreiben. Im Gegenteil. Der Genfer Aufklärer und Philosoph liess Bücher und Schreibzeug im Koffer und verbrachte seine Zeit auf dem Wasser und in den Wiesen. Im süssen «far niente», so Rousseau, fand sein Kopf eine Denkpause, auf dem Kleinod im Bielersee fand sein Herz Ruhe.
«Ich halte diese zwei Monate für meine glücklichste Zeit – so glücklich, dass es für mein ganzes Erdendasein gereicht hätte, ohne dass in mir je der Wunsch aufgekommen wäre, anders zu leben», schrieb Rousseau.

 Es waren die schönsten sechs Wochen seines Lebens. Jean-Jacques Rousseau nutzte die Tage im Herbst 1765 auf der Petersinsel nicht etwa, um seine revolutionären Gedanken voranzutreiben. Im Gegenteil. Der Genfer Aufklärer und Philosoph liess Bücher und Schreibzeug im Koffer und verbrachte seine Zeit auf dem Wasser und in den Wiesen. Im süssen «far niente», so Rousseau, fand sein Kopf eine Denkpause, auf dem Kleinod im Bielersee fand sein Herz Ruhe.
«Ich halte diese zwei Monate für meine glücklichste Zeit – so glücklich, dass es für mein ganzes Erdendasein gereicht hätte, ohne dass in mir je der Wunsch aufgekommen wäre, anders zu leben», schrieb Rousseau.


Ehre zum 300. Geburtstag
Das wahre Glück – obwohl Rousseau nicht freiwillig von Paris in die Schweiz zurückkehrte. Seine Abscheu vor der etablierten Kultur und Gesellschaft brachte ihm viele Feinde ein. Zwei seiner Werke, die staatstheoretische Schrift «Contrat social» und der Bildungsroman «Emile», wurden verboten und die Franzosen verbannten ihn aus dem Land. Nach einem Aufenthalt in Môtiers NE fand Rousseau auf der Petersinsel sein Refugium. Doch blieb nur wenig Zeit, bis auch die Berner Geheimräte den Revolutionär nicht mehr im Lande duldeten: Innert 24 Stunden hatte er sein Paradies zu verlassen und flüchtete nach England.
Wer war der durch Europa gejagte Mann, der mit seinen kirchen- und gesellschaftskritischen Werken den geistigen Weg zur Französischen Revolution ebnete? Um den Denker anlässlich seines 300.Geburtstages am 28.Juni 2012 wieder in die Köpfe der Leute zu bringen, lanciert die Region Bielersee das «Rousseau-Jahr» mit einem Reigen von 34 Veranstaltungen (siehe Box).
Mit einer Rousseau-Persiflage mit von der Partie ist der Twanner Lehrer und Theaterautor Jürg Fankhauser. «Alle kennen den Namen Rousseau. Aber viele wissen heute nicht mehr, wer er eigentlich war», sagt Fankhauser. Ein Rundgang zeigt, welche Spuren der grosse Mann auf der kleinen Insel hinterlassen hat.


Die Klappe neben dem Ofen
1765 war die Petersinsel nur mit dem Boot erreichbar. Erst rund 100 Jahre später machte die Juragewässerkorrektion das Land im Bielersee zu einer Halbinsel, die heute über einen Fussgängerweg zu erreichen ist. Rousseaus Abstecher machte den knapp zwei Quadratkilometer kleinen Flecken Erde zu einem literarischen Wallfahrtsort – Persönlichkeiten wie Goethe oder Kaiserin Joséphine Bonaparte pilgerten zur Insel.
Jürg Fankhauser führt zu den bekanntesten Stätten. Im Klosterhotel befindet sich das Zimmer von Rousseau, in dem er vom 12.September bis 25.Oktober 1765 eine Bleibe fand. Touristen dürfen die Kammer besichtigen, nicht aber in Rousseaus Bett übernachten. Neben dem hellblauen Kachelofen steht eine Klappe im Holzboden halb offen: Rousseau benutzte sie als Fluchtweg, um neugierigen Besuchern zu entkommen, steht auf einer Infotafel im Zimmer. «Bis heute ist nicht klar, inwiefern Rousseau wirklich verfolgt wurde und wann es nur sein Kopf war, der ihm diese Streiche spielte», sagt Fankhauser.


Die Kaninchen-Kolonie
Der damals 53-jährige Rousseau liebte es, durch Felder und Wiesen zu streifen, liess sich in einem Boot über den Bielersee treiben und studierte die Botanik. Für seine «Flora Petrinsularis» teilte er die Insel in Quadrate ein und erfasste die Pflanzen akribisch. Auf der «kleinen Insel», heute zu einem Molassehügel verkommen, setzte Rousseau aus Neuenburg importierte Kaninchen aus – als ein «Fest» bezeichnete er die Gründung der Kaninchenkolonie.
Diese kleine Insel, auch «Chüngeliinsel» genannt, und die St.Petersinsel kreierten für Rousseau ein Sinnbild: Auf der grossen wohnen Leute und bestellen den Boden. Die kleine liegt brach. Sie werde irgendwann nicht mehr da sein, sagte Rousseau, weil ständig Erde von ihr weggeführt werde, um die grosse zu reparieren. «So wird die Substanz des Schwachen immer zum Nutzen des Starken verwandt.»


Jürg Fankhauser führt den Steinpfad beim Kloster durch die Reben zum Pavillon hoch. Er war Jean-Jacques Rousseaus bevorzugter Ort zum Verweilen. «Und den Winzern aus der Region diente der Bau jeden Sonntag als Festhütte», weiss Fankhauser.
Gefängnis auf Lebenszeit
Jean-Jacques Rousseau starb 1778 in der Nähe von Paris. Kurz zuvor verfasste er sein letztes längeres Werk, die «Träumereien eines einsamen Spaziergängers». Darin steht: «Ich hätte damals vorgezogen, man würde mir dieses Refugium zum Gefängnis auf Lebenszeit bestimmen, mich für immer dorthin verbannen, mir jede Möglichkeit, die Insel wieder zu verlassen, nehmen.» (Berner Zeitung)