Stories

Impressionen, Geschichten und News

oeschinensee_960.jpg

Im Berner Oberland ranken sich verschiedene Sagen und Mythen. Vielleicht liegt es an den Nebelschwaden über den Bergen und Tälern, einer zerfallenen Hütte, durch die der Wind heult. Die winterliche Jahreszeit übernimmt Regie, Natur und Bauten bilden die Bühne und im Kopf entsteht die eigene Fantasie.

Wo sich heute die Firnmulden und Gletscher der Blümlisalp befinden, waren früher grasreiche Weiden. Es kam vor, dass die Kühe dreimal des Tages gemolken werden konnten. Die schöne, blumige Alp gehörte einem jungen Sennen, der mit seinen Knechten und einer grossen Herde jeden Sommer den Berg bezog.

Einmal nahm sich der Senn ein junges Weib, das ihn zu allem Schlechten verleitete. Damit sie nicht auf den harten Steinen gehen brauchte, baute er von der Hütte zum Käsespeicher eine Treppe aus schweren, goldgelben Käsen, pflasterte diese mit Butter aus und wusch sie jeden Tag mit Milch sauber ab. Von diesem übermütigen Tun vernahm die alte Mutter des Sennen im Tale und eines Tages machte sie sich auf den Weg, um ihren Sohn zu warnen. Matt, erschöpft und durstig langte sie oben an und bat um einen Trunk Milch. 

Da gab ihr der schlechte Sohn unter dem Gelächter seiner Frau ein Becken voller Molke, in die er Unrat gestreut hatte. Empört erhob sich die Mutter und sprach einen schrecklichen Fluch über ihn aus: "Der Berg soll sich mit Eis bedecken und du und deine Kathrin und deine Herde sollen darunter begraben werden!" Dann nahm sie ihren Stab und stieg den steilen Weg ins Tal hinab. 

Kaum hatte sie die Alp verlassen, so löste sich vom Berggipfel ein grosser Teil des Gletscher los, stürzte über die saftigen Triften hin und bedeckte die Menschen, das Vieh und die Hütten mit mächtigen Eis- und Firnmassen. Noch heute hört man das Gejohle des sündigen Sohnes und das Brüllen seiner schönsten Leitkuh. 

Alpendohle-Jungfraujoch_960.jpg

Quelle: Sagen aus dem Berner Oberland von Hermann Hartmann

In den Bergen Grindelwalds hört man oft um Mitternacht ein seltsames Rufen. Es ist das Zeichen, dass der wilde Jäger durch das Tal ziehen wird. Mehr als vierhundert Jahre sind es her, dass an der grossen Scheidegg ein Sennhirt lebte.

Einst riefen ihn Geschäfte über Land. Doch, ehe er von der Alp ging, wies er den Hirtenbuben an, vor dem zu Bett gehen die beiden Melkhaustore weit offen stehen zu lassen. Als nun der Senne von hinnen gegangen war, wunderten sich die Knechte untereinander, was wohl geschehen würde, wenn sie seinen Befehl nicht befolgten. Und um die müssige Fragen in der Wirklichkeit zu erproben, schlossen sie vor dem zu Bett gehen die beiden Türen zu.

Als nun im Tale die elfte Stunde geschlagen hatte, erhob sich plötzlich in den Höhen des Gebirges ein furchtbares Brausen, als bräche droben ein Gewitter mit heissem Föhne los. Gleich darnach rief es vor den Toren des Melkhauses mit mächtiger Stimme: „Macht auf die Tore, die Friesen ziehen über den Berg!“ Zum zweiten und dritten Mal wiederholte sich der Ruf.
Als aber die Knechte drinnen keine Antwort gaben, da fuhr ein Donnerkrachen durch die Luft. Das Dach der Hütte wurde hinweggerissen, dass man von innen die Sterne am Himmel sehen konnte. Und draussen ertönte ein schweres, dumpfes Getrab, als ritten viele Reiter ins Grindelwaldtal. Hintendrein aber folgte unter Kampfgeschrei ein ganzes Volk der Reiterschar nach.

 

bern_aare_bund_960.jpg

 Quelle: Hausbuch der Schweizer Sagen von Sergius Golowin

Als besonders heilkräftig und segenbringend gelten die Wasser der Quell- und Bergbäche, wenn das Eis der Alpen zu schmelzen beginnt und die ganze Umwelt der Menschen sich verjüngt und erneuert. Gerade auf dem berühmten, heutzutage leider stark überbauten Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee, war einstmals das Holen des Frühlingswassers gang und gäbe.
Aber  nicht  bloss  dort  pflog  man  den  schönen  Brauch.  So kannten  ihn  auch Kinder  aus  alten  Berner  Geschlechtern, die  bei  ihrer  Suche  nach  dem  Osterwasser vor allem zum Glasbrunnen im Bremgartenwald gegangen sein sollen.

Man musste, so heisst es, am Ostertage vor Sonnenaufgang losziehen, ja, noch vor diesem  wieder  daheim  sein.  Beim  Gang  zu  Brunnen  oder  Quellen  durfte  man  nie  zurückblicken  und  mit  keinem  Menschen  ein  Sterbenswort  sprechen.  Ruhig  musste man  das  Wasser  in  sein  Gefäss  schöpfen  und  dann  sogleich,  wiederum  ohne  auf Mensch und Tier zu achten, heimzu streben. Die  Leute,  so  wird  erzählt,  glaubten  früher,  dass  boshafte  Mächte  in  vielerlei Gestalten auf die Wassersucher  lauern und auf sie auf alle Arten abzulenken und zu erschrecken  suchen.  Geht  der  Mensch auf  deren  höllisches  Treiben  auch  nur  im geringsten  ein,  so  kann  er gleich  umkehren,  sein  Wasser  wird  auf  alle  Fälle  wertlos sein.

Das richtig gewonnene Osterwasser sollte, wenn man es sorgfältig trank, Gesundheit bringen.  Früher  sollen  es  die  Bauern  sogar  unter  den  österlichen  Frass  ihres  Viehs gemischt oder tropfenweise in den Ställen verspritzt haben. Nach der Sage hat das Osterwasser besondere Kraft. Wer sich am Ostersonntag im fliessenden  Bache  wäscht,  bleibt  immer  jung  und  schön.  Das Osterwasser  heilt Wunden,  Augenkrankheiten,  Kopfschmerzen, Flechten,  Krätze,  Sommersprossen und alle Hautübel.